Magazin für Literatur & Wellness

Das Problem, mal wieder abspecken zu müssen, kündigt sich durch Realitätsverlust an: Etwa eine Woche lang sehe ich die Waage im Badezimmer nicht mehr. Fällt mein Blick in den Wandspiegel, atme ich ein und halte die Luft an. Eigentlich, denke ich dann, wäre es ja noch gar nicht nötig.

Nur - man muß sich ja schließlich anziehen, und dann, beim Hosenbund, kommt die Minute der Wahrheit unerbittlich auf einen zu. Die Zukunft verdüstert sich jetzt unaufhaltsam. Alle die widerwärtigen Ernährungsprozeduren, denen man sich schon unterworfen hat, stehen drohend da: die Kartoffeldiät, die so gut wie nichts brachte; die „schlank-schlank-Dragees“, die angeblich das Hungergefühl beseitigen, falls die Pillen regelmäßig dreißig Minuten vor dem Essen eingenommen werden. Der pharmazeutische Ausweg ist schon deswegen nicht erfolgreich, weil spätestens am dritten Tag die Pillenflasche verschwunden ist oder man das Einnehmen vergißt und - was am schrecklichsten ist - auch keine Appetitzüglung verspürt.

Wird es also wieder auf eine der beiden bekannten Möglichkeiten hinauslaufen: anständiges Essen und Trinken durch kalorienarme Füllstoffe und Wasser zu ersetzen, oder beginnt wieder einmal eine Periode des Heilfastens, mit Vitamintabletten medizinisch garniert?

Beide Versionen sind gleichermaßen scheußlich. Die kalorienarmen Fertiggerichte schmecken wie eingeweichte Sägespäne, und den Begriff „Heilfasten“ kann sich nur ein Sadist ausgedacht haben, der damit das schreckliche Gefühl eines Hungernden ins Positiv verniedlicht.

An diesem Tiefpunkt der Depression hörte ich zum ersten Mal von der Lesediät. Sie besteht darin, daß man auf jede zweite Mahlzeit verzichtet und, statt zu essen, Kochbücher liest.

Am ersten Tag der neuen Diät, der sogenannten Abbauphase, griff ich zu Henriette Davidis, und mein Selbstbewußtsein stabilisierte sich augenblicklich. Henriette, in ihren „1.825 zuverlässigen und selbstgeprüften Rezepten zur Bereitung der verschiedenartigsten Speisen und Getränke deutscher Küche“, dem regelmäßigen Genuß von Süßspeisen zugetan, schreibt:

„Vielleicht ist das Ebenmaß und die Formenschönheit des Südländers auf die Vorliebe für Süßspeisen zurückzuführen.“ Das sind Worte, die ich liebe. Keine so ekelhaften Namen wie Fettwanst oder Speckrolle. Nein - Formenschönheit!

„Zucker“, schreibt sie, „vollendet die Formen.“

Also doch Vanille-Eis zu den eingezuckerten Erdbeeren heute abend. Zur Fortsetzung der Lesediät war Hesekiel dran. Nicht der alttestamentarische Prophet, sondern George Hesekiel, der Verfasser der „Mittheilungen eines Gourmands“, die 1862 in Berlin erschienen sind. Damals gab es von diesem Buch nur eine Ausage von 800 Stück; aber nicht deswegen ist es für mich so wertvoll wie für einen Philatelisten die Rote Sachsen-Dreier. Nein, Hesekiel ist ein idealer Diätbegleiter. Ich schlug unter „Spargel“ nach und erfuhr folgendes:

„Die Engländer haben den schlechtesten Spargel, sie verstehen nichts von Gemüse, im Großen cultiviren sie nur die Rhabarberpflanze, die wir ihnen von Herzen gönnen wollen. Rhabarbergemüse ist gemein, Rhabarber-Compott schmeckt wie geschmorte Stachelbeeren, wer diese liebt, verrathe es wenigstens nicht und esse insgeheim auch RhabarberCompott.“

Glaubte ich bis dahin, ein gebratenes junges Zicklein sei eine diätkonforme leichte Fleischspeise, belehrte mich Hesekiel so: „Die Ziege ist ein überaus scheußliches Thier für die Küche; selbst der Tiger stirbt lieber vor Hunger, als daß er Ziegenfleisch frißt, ich glaube es zwar nicht, aber Plutarch versichert es ernsthaft.“

Manches lobt Hesekiel auch, der sich selbst einen „alten Diplomaten“ nennt. Pfirsiche, bei ihm grammatikalisch feminin, erfreuen sich seiner Gunst: „Man schaudert bei dem Gedanken, daß eine andere als eine feine aristocratische Hand Pfirsich anfassen könnte. Eine Pfirsich kann auch der vornehmste Herr offen und ohne Scheu über die Straße tragen. Baron von Sydow zog Glacéhandschuhe an, wenn er Pfirsiche aß.“ Da ich keine Glacéhandschuhe habe, versuchte ich es mit Karlsbadern, jener Kombination aus Gestricktem und Leder. Es war eine ziemliche Sauerei und schmeckte wohl deswegen nicht so gut.

Für das Wochenende setzte ich etwas weniger Demagogisches auf den Diätplan. Ich wählte das „Stuttgarter Kochbuch“ der Friederike Louise Löffler, dessen erste Ausgabe 1806 erschien. Bis zu dieser Lektüre begleitete mich noch die Hoffnung auf einen Ausweg. Die Nouvelle cuisine, dachte ich, müßte eigentlich auch während der Diät außerhalb des Speiseplanes erlaubt sein. Schließlich wurden alle Abmagerungsdiäten zu einer Zeit erfunden, als es die Neue Küche noch nicht gab, sonst hätten die Autoren - sagte ich mir - eine gelegentliche Unterbrechung des Hungerns durch die Bocuse-Küche sicher erlaubt. Aber diese Ausflucht zerrann wie Maître-Butter auf dem Rumpsteak. Frau Löffler zerstörte diese Hoffnung.

Die Zutaten der Nouvelle cuisine erwiesen sich als ein ganz alter Hut: Friederike arbeitete schon damals mit Himbeer- und Johannisbeeressig (1806!}, Kräuter- und Würzpflanzen statt wasserspeicherndem, blutdruckerhöhendem Kochsalz und mit sparsamen Garzeiten. Ob die Väter der Nouvelle cuisine das Löfflersche Kochbuch wirklich nicht kannten? Die Verbreitung muß doch ungeheuer groß gewesen sein, denn Frau Löffler schreibt: „Es ist nicht nur für Württemberg, Baden und Bayern das verbreitetste Kochbuch. Auch im übrigen Deutschland, der Schweiz, in Amerika, ja selbst hinter dem Schwarzen Meer vertritt es die süddeutsche und schwäbische Küche.“

Für die zweite Woche meiner Lesediät wählte ich dann Kochbücher aus unserem Jahrhundert und begann mit dem 1923 erschienenen ·Kochbuch für die Tropen·. In der Rubrik „Dienstboten-Kost“ fand ich markige Sätze, die mir guttaten. Wenn man selbst wenig ißt, liest man gerne von Leuten, denen es auch nicht besser geht.

ich bin weder Gewerkschaftler noch Sozialist. Die würden sicher anders reagieren, wenn sie läsen: „Man vermeide es, die Leute zu verwöhnen, denn man schädigt dadurch andere Familien, die nicht in der Lage sind, mehr als das Nötigste für ihr Personal zu tun...“

Und dann: „Das erste Recht auf die Schüsseln der Herrschaft steht dem Koch zu. Erst nachdem er das ihm Zusagende daraus entnommen hat, gibt er das Übrige den Dienstboten. Man erziehe den Koch jedoch so, daß er das, was noch zu verwenden ist, für die Herrschaft aufbewahrt und nur über das Übrige verfügt.“

Nachahmungsfähigen Trost fand ich dann bei Alfred Walterspiel, der die Frage „Welches ist die größte Delikatesse, die Sie kennen?“ so beantwortet hat:

„Eine Scheibe frisches Landbrot, mit Holzfeuer im Steinofen gebacken, bestrichen mit leicht gesalzener Landbutter, dazu eine Handvoll junger Haselnüsse und ein Glas frischen Mosel.“

Ich habe das sofort ausprobiert. Es ist ganz vorzüglich - auch wenn die Haselnüsse alle sind - und schlägt wirklich nicht an, wenn man bei je einem Glas Mosel pro gebutterter Brotscheibe bleibt.

Am letzten Tag der zweiwöchigen Lesediät habe ich mir als Feuerprobe den Hering vorgenommen. Nicht den Matjes - sondern Richard Hering.

Er war der Mann, der als Küchendirektor des Hotel Metropol in Wien 1907 erstmals sein „Lexikon der Küche“ herausgab. Auch heute noch stehen im „Hering“ keine Rezepte, sondern 18 000 Kochanweisungen. Und deswegen ist der Hering die Bibel jedes Berufskochs. Dennoch ist er auch für den Laien und für meine Spezialdiät ein großes vorkulinarisches Erfolgserlebnis. Allein 456 Zubereitungen fand ich unter dem Stichwort Seezunge. Von Adrnirals- bis Zarenart. So kann man sich beispielsweise die „Seezunge Chantecler“ auch als Lektüre auf der Zunge zergehen lassen: „Schnitten der Seezunge, gefüllt mit dicker Samtsauce, vermischt mit Streifen von Trüffeln und Tafelpilzen, gebraten, auf Törtchen mit Hechtfüllsel; bekränzt mit Ravigotesauce“.

Was für ein wunderbares Gefühl wird es sein, wenn ich, wieder normal essend, bei der Menübesprechung zu Viehhauser sagen werde: „Als Fischgang bitte eine Seezunge Chantecler.“

Am 14. Tag meiner Lesediät habe ich mich gewogen. Ergebnis: 4,8 kg weniger!

Nur so zum Spaß habe ich dann die Bücher meiner zweiwöchigen Lektüre auf die Waage gelegt. Sie wogen genau 4,8 kg!

Man kann gar nicht genug Kochbücher haben, um abzunehmen.