Magazin für Literatur & Wellness

Autor: Prof. Dr. med. Dr. h.c. Wildor Hollmann

Noch vor wenigen Jahren dachte man als Arzt oder Biologe bei der kombinierten Erwähnung von Gehirn und übrigem Körper spontan nur an die Steuerungsfunktionen des Gehirns. Der menschliche Geist blieb als wissenschaftlich nicht fassbar sowieso außerhalb einer körperbezogenen Betrachtungsweise. Das hat sich in den vergangenen Jahren entscheidend geändert. Neue medizinische Untersuchungsgeräte ermöglichen erstmals Einblicke in Stoffwechselvorgänge und Durchblutungsveränderungen des menschlichen Gehirn in Verbindung mit geistigen und körperlichen Beanspruchungen. So ist es heute beispielsweise möglich, selbst menschliche Gedanken auf einen Bildschirm sichtbar zu machen. 

Lesen ein Sport?

Früher hatte man in der Medizin geglaubt, muskuläre Arbeit würde sich nicht im Hinblick auf eine Durchblutungsänderung im menschlichen Gehirn auswirken. Tatsächlich aber führt jede Bewegung genauso wie jeder Gedanke in umschriebenen Bezirken des Gehirns zu einer Durchblutungsvermehrung, verbunden mit Veränderungen im Stoffwechsel. Schon Bewegungen so kleiner Muskelgruppen wie die der Finger beim Klavierspielen lösen in einer Größenordnung von 50 bis 60 Prozent des Großhirns eine erhebliche Mehrdurchblutung aus. Gleiches gilt bei intensivem Sehen oder Hören. Darum ist es verständlich, dass auch Lesen mit dem dabei zwangsläufig auftretenden Bewegungen der Augen und somit der Beanspruchung der Augenmuskeln wie auch die spezielle geistige Verarbeitung des Lesestoffs eine Vielzahl von Gehirnaktionen auftreten lässt. Insbesondere sind davon ein Teil des Stirnhirns, der Schläfenlappen und das sogenannte limbische System betroffen. Letzteres stellt viele Milliarden von Nervenverbindungen dar, die in maßgeblicher Weise unsere Stimmung und Gemütsverfassung regeln. Ein mitempfundener Lesestoff kann auf diese Weise unbewusst eine Fülle von Gehirnaktionen auslösen. Genau das aber ist eine Voraussetzung zur Schulung des Gehirns.

Bewegung hält das Gehirn in Schwung

Eine der größten Überraschungen in der heutigen Nervenheilkunde war 1998 die erstmalige Beobachtung, dass Nervenzellen im Gehirn neu entstehen können. Bis dahin war man der Auffassung, dass das Gehirn ein Leben lang mit ein und denselben Nervenzellen auskommen müsste. In den vergangenen zwei Jahren konnte die volle Funktionsfähigkeit dieser neuen Nervenzellen nachgewiesen werden. Auch wieder die nur auf den ersten Blick erstaunliche Feststellung: der stärkste Anreiz zur Neubildung von Nervenzellen im Gehirn ist körperliche Bewegung.

Im Zuge der Alterungsvorgänge nimmt das Gehirngewicht ständig ab. Hauptursache ist ein Wasserverlust. Der früher einmal angenommenen altersbedingte Zellverlust ist von nur geringer Größenordnung und beschränkt sich auf einzelne Gehirnabschnitte. Weitaus wichtiger ist die relativ früh im Leben einsetzende Verminderung der Zahl von Dendriten

jener Nervenausläufer, welche Informationen zur eigenen Nervenzellen hin transportieren. Dieser Prozess beginnt bereits etwa mit dem 50. bis 60. Lebensjahr einzusetzen.

Auf den Dentriten befinden sich spezielle Dornen (Spines) in milliardenfacher Anzahl. Sie stellen die einzigen Orte des menschlichen Kurzzeitgedächtnisses dar. Die altersbedingte Verminderung ihrer Zahl lässt die Qualität des Kurzzeitgedächtnisses als mehr oder weniger ersten Alterungsvorgang des Gehirns in Erscheinung treten.

In eigenen Untersuchungen stellten wir uns die Frage, ob derartigen Prozessen durch körperliche Aktivität entgegengewirkt werden kann. Wie bereits früher festgestellt, ist jede dynamische Muskelbeanspruchung mit einer lokalen Vermehrung der Gehirndurchblutung verbunden. Diese geht ihrerseits automatisch mit einer lokal vermehrten Produktion von Nervenwachstumsstoffen und zahlreichen anderen biochemischen Produkten einher. Theoretisch wäre es daher denkbar, dass körperliche Bewegung einen Neuaufbau von Spines bewirken kann.

Zusammenfassend ist festzustellen: Körperliche Aktivität, besonders aerobe dynamische Muskelbeanspruchungen, aber auch Lesen und geistige Beanspruchung besitzen in jedem Lebensalter eine hohe gesundheitliche und leistungsförderliche Bedeutung für das Gehirn. Und hier liegen auch zusätzliche Perspektiven und Anregungen zu einem regelmäßigen Lesen, die nicht nur die seit Jahrtausenden bekannte Bereicherung unseres geistigen Lebens darstellen, sondern darüber hinaus zum Erhalt unserer geistigen Beweglichkeit oder gar zur Förderung unserer Persönlichkeit beitragen.