Magazin für Literatur & Wellness

Am Ende der Welt? Ein kluger Kopf wird sagen: Das gibt es doch gar nicht! Unsere geliebte Erde ist eine Kugel, und Kreis und Kugel zeichnen sich nun einmal dadurch aus, dass sie weder Anfang noch Ende kennen.
Doch unsere Seele erlebt es anders, als unser Verstand es weiß. Um es gleich vorweg zu sagen: Mir liegt es fern, Kopf und Seele gegeneinander auszuspielen. Beide haben ihren Sinn und ihr Recht. Aber bei dem, was ich hier denke und schreibe, darf die Seele einmal dominieren.
Wer je am Nordkap, also am nördlichsten Punkt Europas, gestanden hat, wird dieses Gefühl kennen: Hier stehe ich am Ende der Welt. Von der immerhin mehr als dreihundert Meter hohen Felskante geht mein Blick weit hinaus auf das weite Meer der Unendlichkeit. Ich spüre: mein Leben, mein Lebensraum und meine Lebenszeit, ist nicht unbegrenzt. Immer wieder stoße ich an Grenzen. Spätestens in dem Augenblick, da ich meinen letzten Atemzug tue, befinde ich mich an der für mein Leben so bedeutungsschwangeren Grenze zwischen Leben und Tod.
Merkwürdig ambivalent können solche Grenzerfahrungen sein, nicht selten ist es schmerzlich, dieses HALT! Hier geht es nicht weiter! Nur zu gerne würde ich die Grenze öffnen, vielleicht sogar mit Gewalt, wenn ich es nur könnte. Doch hier am Nordkap, empfinde ich die Grenze zwischen Zeit und Ewigkeit als wohltuend. Die Dinge haben ihre Zeit, und das ist gut so. Schmerzlich-gut, aber eben doch gut. Und jenseits der Grenzlinie breiten sich nicht Chaos und Vernichtung aus, sondern das spiegelglatte Meer, das im Widerschein der Sonne  im Sommer selbst zu mitternächtlicher Stunde leuchtet und glänzt.
Freilich sollte ich mir für dies Erlebnis Zeit gönnen. Und ein wenig abseits sollte ich gehen. Zwar ist die Nordkaphalle – meistens von Touristen reichlich gefüllt – gastlich warm und schön, aber so manchen betrügt sie um die tiefste Erfahrung, die sie oder er hier eigentlich machen kann. Oder sogar machen soll.
Also gehe ich auf dem nahezu ebenen Nordkapfelsen ein wenig zur Seit, nach rechts oder nach links. Ich habe wirklich – wie sagt man heutzutage doch so gerne? Alle Zeit der Welt. Und ich kann, ich darf Weltentdecker sein. So entdecke ich hier und da die zärtlichen lilafarbenen Rotsildblümchen. Ich freue mich an den bemoosten grauen Steinen, zwischen denen immer wieder kleinere oder größere Steine in hellem Weiß die Aufmerksamkeit an sich ziehen. Und ich suche und finde ein stilles Plätzchen zum Schauen und Staunen. Vielleicht ist es ja auch einmal nicht so nordkapwindig und arktisch kalt, so dass ich mich sogar ein wenig setzen kann.
Übrigens, für Leute die es genau wissen wollen, der englische Admiral, der anno 1553 bei seiner Schiffsreise gen Osten das Nordkap als nördlichsten Punkt Europas bestimmt hat, hat sich ein wenig verrechnet. Wer wirklich am allernördlichsten Nordpunkt unseres Kontinents stehen möchte, muss sich auf den Weg zur Landzunge Knivskjellodden machen. Man kann sie übrigens vom Nordkap aus gut sehen – an der linken Seite runtergucken! Es gibt auch einen Wanderweg dorthin. Er zweigt etwa zwölf Kilometer vor dem Nordkap in nordnordwestlicher Richtung von der Europastraße 69 ab. Nach gut zwei Stunden Wanderzeit ist der Wanderer am Ziel. (Ganz nebenbei: Ich komme aus Hermannsburg, und ich war bestimmt der erste Hermannsburger, der – es war im Jahr 1976 – die Landspitze von Knivskjellodden zu Fuß erreicht hat!)
Genug. Die Insel Mageröya – so heißt die Nordkapinsel – ist ein Paradies für Weltentdecker. Sie finden dort unglaublich viele schön, reizvoll Kostbarkeiten, und – vielleicht – finden Sie sogar sich selbst.
P.S:
Und wie komme ich am besten ans Ende der Welt? Wer denn nötigen sportlichen Ehrgeiz hat, reist mit seinem eigenen Fahrzeug auf zwei oder vier Rädern an. Es gibt gut ausgebaute Straßen; die E 69 führt bis ans Eingangstor der Nordkaphalle.
Eine lohnende Alternative: Die Schiffe der Hurtigruten legen täglich in Honningsvag am Südrand der Nordkapinsel an, von Süden kommend vormittags um 11.15 Uhr. Dort stehen dann schon Busse bereit, die die Erlebnishungrigen zum Nordkap und zurück bringen. Einziger Nachteil dieser wirklich sehr beschaulichen Schiffsreise: Man hat nur knapp eineinhalb Stunden Zeit, um sich am Ende der Welt etwas umzuschauen. Die Busse, die einen zum Schiff zurückbringen, sind unerbittlich pünktlich.

Text & Fotos: Reinhard Deichgräber