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3. Tag: Ordas

Dieser Vormittag gehörte dem Sonnendeck, um sich nach einem ausgiebigen Frühstück, hier bei einem leichten Sommer Cocktail, auf die bevorstehenden Gestaltungsmöglichkeiten des Nachmittags vorzubereiten. Zu Auswahl standen ein Spaziergang zu Fuß in das kleine Dorf Ordas mit seinen 540 Einwohnern, das sich zwischen den Wäldern im Flutgebiet am linken Donauufer rund 500 m von der Anlegestelle unseres Schiffes befand, ein Ausflug in die Puszta mit dem Kennenlernen eines Paprikamuseums oder ein Besuch in dem „Schwäbischen Dorf Hajós“.

Dass es dieses Dorf, das während der Türkenkriegen völlig zerstört wurde, heute noch gibt, verdankt es dem Erzbischof von Kalocsa, der 1722 an dieser Stelle ein schwäbisches Dorf mit Hilfe deutscher Einwanderer aus Württemberg gründete. 1756 bekam das Dorf das Marktrecht verliehen. Aus seiner Geschichte erzählt das liebevoll gestaltete Heimatmuseum das man in jedem Fall besuchen sollte. Und auch eine Weinprobe ist hier Programm. Denn: Hajós ist berühmt für seine ausgeprägte Weinkultur. Im Ort gibt es rund 1200 Weinkeller, und jedes Jahr findet Ende Mai das Weinfest an St. Urban statt, zu dem viele Besucher kommen. Wir entschieden uns für den vier Stunden dauernden Ausflug in die Puszta mit dem Besuch des Paprikamuseums in Kalocsa.

 

 

Bei der Puszta handelt es sich um eine sogenannte Sekundärsteppe, die durch massives menschliches Eingreifen geschaffen wurde. Ursprünglich war dieses Gebiet bedeckt mit großen Wäldern und Waldsteppen. Erst 1526 wurde die Landschaft durch den Einfall der türkischen Besatzungsmacht nachhaltig durch das Roden der Wälder verändert. Dadurch entstand eine Versumpfung, und dieser wurde im 19. Jahrhundert mit einer großflächigen Trockenlegung begegnet, was wiederum zu einer Versteppung führte. Außerdem kam es durch die türkische Herrschaft im 14./15. Jahrhundert zu einer weitläufigen Entvölkerung und Verödung vieler Dörfer (pusztásodás) in Europa. Die Bewohner suchten Schutz in größeren Siedlungen, die Felder lagen brach. Auf diese Weise entstand optimales Weideland – eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Rinderhaltung.
Heute ist diese Landschaft das letzte Refugium des ungarischen Steppenrindes oder ungarischen Graurindes, einer sehr alte vom Aussterben bedrohten Haustierrasse, die wahrscheinlich im 9. Jahrhundert mit der Einwanderung der Ungarn aus deren Heimat im Osten mit ins Land kam. Jahrhundertelang wurde es als Fleischlieferant und Arbeitstier geschätzt. Zwischen dem 14. und 18. Jahrhundert – der letzte Rindermarkt fand 1713 in Nürnberg – statt, blühte der Handel mit Graurindern zwischen Ungarn, Österreich, Mähren, Deutschland und Italien. Erst vor hundert Jahren kam das Graurind aus der Mode. Mitte der 1960ziger Jahre gab es nur noch 187 Kühe und 6 Stiere, von denen alle heute lebenden Tiere abstammen, von denen die meisten in Nationalparks leben.

Unser Bus hält am Paprikamuseum in Kalocsa, dem Zentrum des weltweit größten Paprika-Anbaugebietes. Hier erfahren wir von einer Expertin alles, was mann/frau über Paprika und seine Verwendung wissen sollte.

 

Den liebevoll hergerichteten Ständen kann man nur schwer widerstehen, und so decken wir uns (wohl für die nächsten Jahre) mit den verschiedensten Paprikasorten und -pasten ein. Kalocsa ist eine alte Stadt. Schon 1001 wurde sie von König Stephan I. als Zentrum eines Bistums gegründet und ist bis heute Sitz des Bischofs. 1529 wurde die Stadt von den Türken völlig zerstört, bis auf die bischöfliche Burg, die als Festung weiter genutzt wurde. Noch 1664 wusste der türkische Reisende Evliyâ Çelebi von diesem Ort nur zu berichten, dass er aus „einer Moschee, drei Krämerläden und einem kleinen Gasthof“ besteht. Die bischöfliche Burg wurde 1686 von den Türken niedergebrannt. Mit dem Wiederaufbau, der Renovierung der gotischen Kapelle, begannen Erzbischof Kollonich und seine Nachfolger. Mit dem Bau der neuen Residenz ab Mai 1775 belebte sich auch die Stadt wieder.

 

Heute verfügt Kalocsa mit seiner Kathedrale Maria Himmelfahrt (18. Jh.), dessen Orgel Franz Liszt des Öfteren spielte, dem Bischofsitz und vor allem mit seiner mittelalterlichen Bibliothek, die mehr als 17000 Bände zählt – darunter unschätzbar wertvolle Codizes – über einmalige Sehenswürdigkeiten.

Wir verlassen die alte Stadt, fahren wieder hinaus durchs Land bis wir bei einem Puszta-Hof anhalten. Hier erwarten uns die Puszta-Hirten zuerst mit einem Willkommensschnaps und dann mit einer Vorführung ihres Reiterkönnens. Nach der Schau gab es noch die Möglichkeit an einer Wagenfahrt teilzunehmen, das kleine Heimatmuseum anzusehen, sich an Fladenbrot und saurer Sahne zu stärken und unter den angebotenen Souvenirs im Kiosk des Hofes zu wählen. Die vier Stunden vergingen wie im Flug. Um 18.15 Uhr hieß es für die MS Maxima wieder Leinen los. Und der Abend sollte erst spät nach Mitternacht enden…
Für eingefleischte Europäer mit Freude an der europaweiten Reisefreiheit war das nachfolgende Erlebnis schon bedenkenswert. Um 22.00 Uhr lagen wir in Mohacs, der letzten Stadt vor der serbisch-kroatischen Grenze vor Anker und warteten auf die zuständigen Beamten, die uns kontrollieren sollten. Zuvor mussten wir über tag eine Zolldeklaration ausfüllen. Genannt wurde dieser Vorgang Ausgangsrevision für Schengener EU-Staaten. In unserem Fall waren die letzten Passagiere weit nach Mitternacht mit ihrer persönlichen Passkontrolle fertig.

 

Kreuzfahrtleitung Steffi Broichhausen ermahnte alle Anwesende immer wieder schweigsam und freundlich lächelnd den Beamten zu begegnen, denn eine unpassende Bemerkung hätte auch den Ärger der Kontrolleure auslösen können, die dann aus Schikane vielleicht einzelne Kabinen oder gar das ganze Schiff durchsucht hätten, oder die Weiterfahrt erst am nächsten Tag freigegeben hätten... oder, oder, oder, der Möglichkeiten gab es viele. Und auf einmal merkte man sowas wie „Europa, das gibt es doch nicht überall.“ Und auf noch etwas wurden wir aufmerksam gemacht: Handys und Smartphones ausschalten! – wir sind im außereuropäischen Raum – und ein Anruf kann sehr teuer werden! So kam es, dass wir alle in die Nähe der Großen dieser Welt rückten: wir wurden auf einmal „unerreichbar“…

Die nächtliche Talfahrt auf der Donau ging 368 km weiter. Vorbei an Bezdan auf der serbischen Seite und Batina am kroatischen Ufer, an Apatin in Serbien und der Einmündung des Flusses Drau auf kroatischer Seite, weiter an Vukovar in Kroatien und der Einmündung des Flusses Vuka und schließlich der Grenzüberquerung zwischen Kroatien und Serbien auf der rechten Seite. Ab hier fließt die Donau für 213 km durch Serbien. Wir fuhren an Novi Sad mit der Festung Peterwardein und an Sremski Karlovici vorbei, unterqueren die 50 m hohe Besak-Brücke, und bald konnte man die Einmündung des Flusses Theiss erkennen und nicht ganz 50 km weiter die Einmündung des Flusses Save. Gegen 12.00 Uhr ist unsere Ankunft in Belgrad. Auch hier heißt es warten auf die Behörden zur Eingangsrevision und Passkontrolle.