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4. Tag: Belgrad

Der Vormittag vergeht wie im Flug: Frühstück, anschließende Informationsveranstaltung, in der uns die Buchungsmöglichkeiten an Bord vorgestellt werden und wo wir Neues über Bevorstehendes wie Bukarest, Donaudelta und Rousse erfahren. Und dann kommt der entspannende Teil bis zum Mittagessen: Sonnendeck-Party bei tollem Wetter und herrlicher Landschaft.

Nach dem Mittagessen ist wieder Warten angesagt: Das Schiff muss durch die serbischen Behörden freigegeben werden, eine Aktion, die aber unseren pünktlichen Ausflug nach Belgrad nicht tangierte. Vier Stunden haben wir nun Zeit Serbiens Hauptstadt, sie liegt an der Mündung der Save in die Donau, kennenzulernen. Belgrad, (übersetzt die „weiße Stadt“, oder auch „Griechisch Weißenburg“) wurde im Laufe der Geschichte so oft zerstört und wieder aufgebaut, dass es müßig ist zu zählen, wie viele „Belgrads“ es bisher gegeben hat. Festzuhalten aber wäre, dass es Stefan Lazarević (1389–1427) war, der „Griechisch Weißenburg“, seine Residenzstadt, die ihm von Kaiser Sigismund 1403 überlassenen wurde, „Belgrad“ nannte. Er war der eigentliche Erneuerer und Begründer des spätmittelalterlichen Serbischen Reiches. Er konnte die osmanische Herrschaft durch die vernichtende Niederlage von Bayezid I. (in der Schlacht von Ankara 1402) abschütteln und bekam aus Dank vom byzantinischen Kaiser Manuel II. den Ehren-Titel eines Despoten verliehen, der im Rang zweithöchste Titel des byzantinischen Reiches hinter dem Kaiser.
Mit der Übertragung Belgrad zur Hauptstadt seiner Residenz zu machen, wählte Stefan Lazarević in der Povelja grada Beograda (dt. Charta von Belgrad) die Gottesgebärerin als Schutzherrin der Stadt. Die ursprüngliche Ikone der Muttergottes als Beschützerin der Stadt hing im 15. Jh. über dem Tor des Despoten. Hier ereignete sich am 22. Juli 1456 die entscheidende Schlacht gegen die erste Türkenbelagerung der Stadt. Der Ungar Johann Hunyadi besiegte den Osmanen Mehmed II. Dieser hatte am 29. Mai 1453 Konstantinopel erobert. Damit war das Ende des Byzantinischen Reiches besiegelt. Nach dem Sieg der Ungarn über die Osmanen, – der Sultan wurde verwundet und sein Heer floh in Panik, – war nach damaliger Ansicht das Schicksal der Christen entschieden, und aus Dankbarkeit ordnete Papst Kalixt III. aus der Familie der Borgia das Mittagsläuten an, das bis heute in allen Kirchen der Welt ertönt. Auch das Fest der Verklärung erinnert daran, da die Nachricht über den christlichen Sieg am 6. August 1456 in Rom eintraf. Aber deshalb hörten die Bedrohungen und die vielen Kriege der Osmanen auf dem Balkan und das Eindringen nach Mitteleuropa längst nicht auf. 227 Jahre später, 1683, lagen die Türken vor Wien. Im großen Türkenkrieg (1714–1718) konnte die Heilige Liga die Osmanen bis hinter Belgrad zurückdrängen. In der Doppelschlacht von Belgrad gelang es 1717 Eugen von Savoyen, unsterblich als „Prinz Eugen, der edle Ritter“, Belgrad zu erobern und so die österreichische Vorherrschaft in Südosteuropa zu sichern. Aber es mussten noch 155 Jahre vergehen bis ein Zwischenfall an der Čukur Česma am 15. Juni 1862 zu einem ethnisch motivierten Volksaufstand zwischen serbischen und türkischen Bewohnern Belgrads führte. Die Bombardierung durch die Festungskommandantur änderte die Situation grundlegend. Auf Druck der Großmächte in der „Konferenz von Kanlidzi“ wurde die Aussiedlung der muslimischen und türkischen Bewohner Belgrads nach Istanbul beschlossen. Am 18. April 1867 musste auch der letzte osmanische Festungskommandant das Fürstentum verlassen, und die Residenz wurde endgültig von Kragujevac nach Belgrad verlegt. Damit war die 411-jährige Herrschaft der Osmanen (von 1456 – 1867) in der Stadt zu Ende. Was übrig blieb ist die mächtige Festung Kalemegdan. Der Name bezeichnet heute einen großen Park rund um die Zitadelle, die den Kern der Festung bildet. Hier befinden sich die Büsten von angesehenen Persönlichkeiten der serbischen bzw. jugoslawischen Kultur, das Militärmuseum, das Jagd- und Forstmuseum, der Pavillon für Kunst Cvijeta Zuzorić, kleinere Kirchen, ein Kinderspielplatz, Sportplätze, viele Restaurants, der Fischerbrunnen von Simon Roksandić, bestehend aus der

Figur eines Fischers und einer Schlange sowie der Belgrader Zoo. Das „Denkmal des Dankes an Frankreich“ ist ein von Ivan Meštrović geschaffenes Kunstwerk auf dem Kalemegan. Es ist ein „steingewordenes Dankeschön“ Serbiens für die Unterstützung durch die französische Regierung im Ersten Weltkrieg. Am 11. November 1930 wurde es enthüllt.

 

 

 

Ein weiteres Highlight Belgrads ist die Kathedrale Hl. Sava. Die Kirche ist dem ersten serbischen Erzbischof und Nationalheiligen Hl. Sava (1175–1236) geweiht. Sie ist auf dem im südlichen Belgrader Stadtzentrum gelegenen Plateau des Vračar, einem 134 Meter hohen Hügel, errichtet, wo der osmanische Feldherr Sinan Pascha 1595 mutmaßlich die sterblichen Überreste des Heiligen Sava verbrennen ließ. Mit dem Bau des Domes wurde Ende der 1930er Jahre im mittelalterlichen serbisch-byzantinischen Stil begonnen. Zwar – im Innenraum noch lange nicht fertig ausgebaut – ist sie bereits 2016 die größte christlich-orthodoxe Kirche Südosteuropas. Mit einer Kuppel von 35 m Durchmesser, 68 m Höhe und der Grundfläche von 3500 m2 zu 7570 m2 gleicht sie der Hagia Sophia in Istanbul. Die Kirche gehört zum Erzpatriarchat von Belgrad und Karlovci der serbisch-orthodoxen Kirche. 2007 waren die Arbeiten im Außenbereich abgeschlossen, innen ist die Kirche bis auf eine kleine Altarecke im Rohbauzustand (Stand 2016). Die Verkleidung des größtenteils in Beton erstellten Innenraums mit Mosaiken, Granitboden und Marmor-Granitwandverkleidung wurde durch den Präsidenten Russlands Wladimir Putin nach dem Besuch der Kirche 2011 zugesichert. Putin sicherte neben den 30 Millionen Euro Kosten auch die Ausführung durch russische Mosaikspezialisten zu. Die aufwendige Gestaltung der Heiligendarstellungen und Heilsgeschichte in Mosaiktechnik wird in den ersten beiden Phasen bis 2019 andauern und von Firmen wie Gazprom unterstützt.

Die Stadtrundfahrt führt uns zu dem historischen Gebäude der Serbischen Akademie, dem Parlamentsgebäude, dem Hauptplatz und geografischer Mittelpunkt Belgrads, dem Terazije mit der Terazijska česma, und last not least zu den letzten Kriegsverwundungen der Stadt – ausgelöst durch den Kossovokrieg, – die in den Kriegsruinen noch zu sehen sind, die weder abgetragen noch wieder-aufgebaut wurden. Exemplarisch für die am 24. 03. 1999 beginnenden und 78 Tage dauernden Luftangriffe der NATO steht das zerstörte Verteidigungsministerium in Belgrad.
Die Altstadt, die Fußgängerzone Kneza Mihailo, die ehemalige Römerstraße steht unter Denkmalschutz, und die Tschika Lubina liegen der Festung Kalemegdan genau gegenüber. Es ist eine äußerst lebendige Fußgänger- und Einkaufszone, die mit vielen Metropolen der Welt Schritt hält. Besonders zu erwähnen ist noch das Künstlerviertel Skadarlina. Es liegt im Zentrum und hat sich seinen authentischen Charakter über die Zeiten hinweg erhalten. Hier gibt es einheimische Restaurants, und Maler, die ihre Kunstwerke zum Verkauf ausstellen, Wahrsager, Straßenmusikanten und Stegreifkünstler, sowie viele kleine Galerien und Buchläden.
Aber trotz des straffen Programms und der vielen Eindrücke sind wir wieder pünktlich um 18.00 Uhr zum Abendessen zurück, denn die nächste Attraktion ist bereits gebucht: Um 20.00 Uhr Belgrad bei Nacht mit einer temperamentvollen Folkloredarbietung und einem Glas Wein. Die Gruppe heißt Talija Art Company und ist eine von 50 Belgrader Folkloreschulen, die das Wort Nachwuchssorgen nicht kennen, denn die Jugend ist begeistert dabei. Und diese Schule ist eine der Besten; sie gibt bereits weltweit Vorstellungen.


Eine kleine Stadtfahrt durch das beleuchte Belgrad – zurück zu unserem Schiff – beschließt das Ausflugsprogramm. Aber auch diese Nacht wird länger als die anderen. Die serbischen Behörden werden zur Ausgangsrevision an Bord erwartet. Ein Grund sich die Zeit mit einer Sail-AWAY-Party auf dem Sonnendeck mit Nachtsnacks zu verkürzen und die herrliche Kulisse des beleuchteten Belgrads zu genießen und das bei Temperaturen von 28°. Endlich, gegen Mitternacht ist es soweit, unser Schiff lichtet die Anker und noch einmal genießen wir das nächtliche Panorama von Belgrad und dem Kalemegdan.