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5. Tag: Kataraktenstrecke

Dieser Tag gehört der Donau und ihrer Landschaft: 307 km lang. Wir reisen in die Osteuropäische Zeitzone, was heißt: Hier gehen die Uhren eine Stunde vor. So ist früh aufstehen (5.00 Uhr!) angesagt, will man den schönsten Streckenabschnitt mit eigenen Augen sehen. Wir schippern vorbei an der Einmündung des Flusses Nera, die an der linken Seite die Grenze zwischen Serbien und Rumänien bildet.

Ab hier ist die Donau für 230 km der Grenzfluss zwischen Serbien auf der Linken und Rumänien auf der rechten Seite. Die erste Schlucht, die wir passieren ist an der schmalsten Stelle 155 m breit und an der tiefsten Stelle 47 m tief und 6 km lang. Hier sehen wir am Eingang den berühmten Babakei-Felsen und die Burgruine Golubac. Sie liegt 130 km von Belgrad entfernt, und es heißt, dass Stadt und Festung im 13. Jh. von den Ungarn gegründet wurden. Dagegen berichtet eine andere Quelle von den Römern im 1. Jh. v. Chr. als Gründer. Die beiden nächsten Schluchten sind die Obere und die Untere Klissura. Das Wort Klissura kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Spalte. Sie ist an der engsten Stelle 340 m breit und hat eine Tiefe von 21 m. Auch diese Schlucht war früher ein mit Felsen durchsetztes Schiffshindernis. Die Berghänge am Ufer der Donau sind mit einem Wald aus Eiche, Walnuss, Hainbuche und Zürgelbaum bedeckt.

 

Nur einige Kilometer weiter (1004 km) liegt die aus der Steinzeit (8500 – 4000 v.Chr.) stammende Siedlung Lepenski Vir. Die archäologische Stelle ist mit einem Glasbau umgeben. Erste Ausgrabungen fanden 1965 statt. Hier wurden Häusergrundrisse, Herdstellen, Grabstätten und kunstvolle Sandstein-Skulpturen, z.B. Figuren menschlicher Wesen mit Fischkopf, gefunden. Das Museum zeigt neben den Funden auch Hologramme, die mögliche Hausformen aus der Steinzeit darstellen, aber auch ein Bildschirm hilft, virtuelle steinzeitliche Wohnungen zu erkunden. Im Jahr 2005 haben serbische Archäologen unweit dieser Stelle eine weitere etwa 9000 Jahre alten Siedlung gefunden. Bis 2012 hatten die Archäologen Reste von Feuerstellen und flachen Steinen, die wohl als Ambosse dienten sowie zahlreiche Knochen von Fischen und anderen Tieren ausgegraben.

Und während wir all die Sehenswürdigkeiten an uns vorbeigleiten lassen, und den humorvollen und informativen Erklärungen unserer Kreuzfahrtleiterin lauschen, erfahren wir von dem einzigartigen Nationalpark in Serbien Derdap, – in Rumänien Naturpark Eisernes Tor (Parcul Natural Portile de Fier). Es ist nicht nur die größte Flussklippenlandschaft sondern gilt auch als einer der imposantesten Taldurchbrüche Europas. Die Donau durchbricht hier die Karpaten im Südwesten. Das Naturreservat beherbergt eine einzigartige Flora und Fauna: Über 1100 Pflanzenarten, Braunbären, Wölfe, Luchse, Goldschakale, mehrere Eulenarten, Schwarzstörche und noch viele andere seltene Tiere.

Wir kommen in die dritte Schlucht: Die unter Klissura – sie wird in den Oberen und den Unteren Kazan (dt. Kessel) unterteilt. Die ersten vier Kilometer werden als Oberer Kazan die folgenden 3 Kilometer als Unterer Kazan genannt. Die Felswände ragen trotz vereinzelter Büschen kahl und manche glatt poliert in den Himmel. Die Engen des oberen und unteren Kazan lassen die Donau nahezu verschwinden. Sie wird hier auf eine Breite von nur 150 m zusammengepresst. Es ist der größte und gefährlichste Teil der Kataraktenstrecke: Das eiserne Tor ist keine Felsschlucht wie die Kazan – Engen, sondern eine quer über die ganze Strombreite (ca. 900 m) gelegene Felsbarriere aus quarzhaltigem Kalkstein. Deshalb war die Fahrt in diesem Gebiet sehr gefährlich und nur bei Hochwasser möglich. An den engen Biegungen gab es einst Signalstationen. Eine der ehemaligen Signalstationen dient heute orthodoxen Mönchen als Minikloster. Das Kloster Marconia wurde 1523 erbaut und im Türkenkrieg 1787 – 1792 völlig zerstört. 1931 Wiederaufbau, aber die Ruinen wurden nach dem Bau des Wasserkraftwerks überflutet. Im Unteren Kazan erinnert – bei km 1011 auf der rechten Seite – eine nur bei niedrigem Wasserstand sichtbare Tafel an den Straßenbau unter Kaiser Tiberius (14 – 37 n. Chr.). Diese Römerstraße, in den Fels gehauen, wurde erst unter Kaiser Trajan (98 – 117 n. Chr.) vollendet.

Der Gegenspieler von Kaiser Trajan war der letzte Dakerkönig Decebal, der von 85 – 106 n. Chr. über Dakien herrschte. Nach der siegreichen römischen Invasion, tötete er sich selbst. An seine Regierung erinnert seit 2004 die höchste Felsskulptur in Europa, der in den Fels geschlagene 40 m hohe und 25 m breite „Kopf des Decebalus“. Initiator war der rumänische Geschäftsmann und Historiker Iosif Constantin Drăgan. Das Projekt wurde von 12 Bildhauern verwirklicht, dauerte zehn Jahre (1994 – 2004) und kostete über eine Million US-Dollar. Die lateinische Inschrift unter dem Gesicht lautet: „DECEBALUS REX - DRAGAN FECIT“ („König Decebal - Erbaut von Drăgan“).

Nicht weit von den Schleusen entfernt, kurz bevor die Donau zum Grenzfluss zwischen Rumänien und Bulgarien wird, ist auf serbischer Seite noch eine Huldigung an den verstorbenen jugoslawischen Staatspräsidenten Tito – in Form der Flagge Jugoslawiens von 1945 – 1991 und den in Rot gehaltenen aufgestellten Namenszug TITO darüber – im dichten Wald zu sehen. Marschall Josip Broz Tito proklamierte nach Ende des 2. Weltkrieges am 29. November 1945 die Föderative Volksrepublik Jugoslawien, deren zukünftige Hauptstadt Belgrad werden sollte. Bis 1991 war Belgrad sowohl die Hauptstadt des blockfreien sozialistischen Jugoslawiens als auch der Teilrepublik Serbien. 1948 kam es zum Bruch mit der UdSSR. Nun sah sich Jugoslawien als Vorreiter in der Bewegung der Blockfreien Staaten. Nach dem sich die Beziehungen zur Sowjetunion normalisiert hatten, führten die offenen Grenzen nach Westen dazu, dass Belgrad in den 1970er und 1980er Jahren eine über die Staatsgrenzen hinweg bedeutende kulturelle Metropole wurde. Nach dem Tod von Tito zerfiel Jugoslawien 1991. Belgrad wurde zur Hauptstadt der neu gebildeten Bundesrepublik Jugoslawien. Vom 4. Februar 2003 bis zum 3. Juni 2006 war Belgrad Hauptverwaltungssitz der Staatenunion Serbien und Montenegro. Seit der Loslösung Montenegros ist Belgrad nun Hauptstadt der unabhängigen Republik Serbien.

An einer der schönsten Stellen im Kazan (dt. Kessel), in der Nähe der Stadt Orşova, beträgt die Anstauung der Donau 200 m Breite. Im Bereich des Eisernen Tores liegen heutzutage zwei Laufwasserkraftwerke Eisernes Tor 1 und Eisernes Tor 2. Durch die Kraftwerke und Schleusen Djerdap 1 und 2 und den Staudamm wurde die Landschaft grundlegend verändert. Es entstand ein Stausee, der über 150 km lang, an seiner breitesten Stelle 5,5 km und an seiner tiefsten Stelle über 120 m misst und ein Staudamm, der den Namen Eisernes Tor nun auch sichtbar werden ließ.
Zur Einfahrt in die Schleuse Djerdap 1 gab es einen Donau-Frühschoppen mit Musik auf dem Sonnendeck und für die hungrigen Frühaufsteher einen Leberkaas, a Weißwurst, a Brez’n und a Bier, denn erst um 13.00 Uhr war Mittagtisch.

Hinter dem Eisernen Tor, auf der Südseite liegt Bulgarien. Auf der Nordseite beginnt die Walachei, deren berühmtester Herrscher Vlad III. war, besser bekannt unter dem Namen „Dracula“. Er ging als grausamer Tyrann in die Geschichtsbücher ein. Transsilvanien – auch als Siebenbürgen bekannt – liegt im Zentrum des Karpatenbogens. Alexandru Ioan Cuza vereinigte 1859 die Fürstentümer Walachei und Moldau und legte damit das Fundament zu Rumänien, das er am 24. Dezember 1861 proklamierte und das am 26. März 1881 Königreich wurde. Im Friedensvertrag von Versailles 1919 wurden Rumänien, das zu den Verbündeten der Siegermächte gehörte, von Ungarn Teile von Siebenbürgen, die Bukowina, Teile des Banats sowie von Russland Bessarabien zugesprochen. 1948 wurde das Land Volksrepublik und 1965 – 1989 Sozialistische Republik. Seit 2007 ist Rumänien Mitglied der Europäischen Union. Rumänien hat den größten Anteil an der Donau: 1075 km. Davon bilden 471 km die Grenze zu Bulgarien. Für die bulgarische Seite der Donau sind die Steilküsten charakteristisch, während die rumänische Seite, die Walachei, flach und reich an schilfbestandenen Seen ist.
Nach dem Abendessen gab es noch das Bordprogramm „Lustige Lesungen“ zum Training der Lachmuskulatur und anschließend „Country Night“, mit Bordmusiker Chris.