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6. Tag: Giurgiu – Bukarest – Oltenita

Auch dieser Tag war etwas für Frühaufsteher. In Giurgiu erwarteten wir die rumänischen Behörden an Bord zur Eingangsrevision und zur Freigabe des Schiffes. Gut gefrühstückt und ausgestattet mit einem Lunchpaket für den „Kleinen Hunger“ starteten wir pünktlich mit unserer Ausflugsfahrt um 8.15 Uhr. Während wir in den Bus einstiegen, um nach Bukarest zu kommen, hieß es für die MS Maxima Abfahrt nach Oltenita, wo wir nach 5 Stunden und 30 Minuten wieder an Bord gehen sollen.
Bukarest, Rumäniens Hauptstadt, – sie liegt in der Walachei, 60 km von der Donau, 125 km von den Karpaten und 350 m vom Schwarzen Meer entfernt – wurde nach einer Legende von einem Hirten Bucur – was so viel wie „glückhafte Freude“ bedeutet – geründet. Wann dies genau geschah, kann man nicht sagen. Fest steht aber, das Bukarest erstmalig am 20. September 1459 in einer Urkunde von dem Woiwoden (Heerführer) und Feldherrn Vlad Tepes, mit Beinamen Drăculea, ausgestellt, erwähnt wird. Und Fürst Radu der Schöne erklärte am 14. Oktober 1465 Bukarest in einer Urkunde zum Fürstensitz. Schon bald wurde die Stadt zur Zentrale fürstlicher Macht und zu einem florierenden Handelszentrum, in dessen Einzugsgebiet bis 1625 sich 41 Siedlungen niedergelassen hatten. An diese Handelsaktivität erinnert heute noch die Lipscani-Zone (dt. Leipziger Zone), eine Straße und ein Bezirk in der Nähe der Piața Unirii.

Im Mittelalter war sie ein wichtiger Handelsplatz. Man fand hier viele Läden von Händlern aus Siebenbürgen, die Waren aus Leipzig anboten. Die erste urkundlich erwähnte Gasse hieß „große Gasse beim alten Fürstenhof“, später dann  „Deutsche Gasse. Ihr heutiger Name wurde ihr in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gegeben. Die mittelalterliche Architektur ist heute noch erhalten. Zurzeit werden dort neue archäologische Funde gehoben. Heute gibt es in der Lipscani-Zone eine große Konzentration von Cafés und Bars und das Nachtleben zieht auch jüngere Touristen an.

In Bukarest spiegelt die Architektur in ihre vielen Baustilen die Geschichte des Landes wieder: Da ist der türkische Stil des Sultanats genauso vertreten, wie der Einfluss der österreichischen Monarchie und Frankreichs, der neurumänische Brâncoveanu-Stil des beginnenden 20. Jahrhunderts, der bestimmte orientalische und italienische Baumotive in sich vereinigt, der Bauhausstil der 1930er Jahre und die typischen sozialistischen Plattenbauten aus den 1960er- und 1970er-Jahren. Und zwischen all den monumentalen Blöcken, Plattenbauten und dem Zuckerbäckerstil des Nicolae Ceaușescus ducken sich kleine ländliche Häuschen und Kirchen.

Mit dem Bau der Achse Piața Victoriei und Piața Sf. Gheorghe zwischen 1936 und 1940, nach dem Pariser Vorbild des Boulevard Henri Martin und dem Brüsseler Entwurf des Boulevard Louise, bekam die Stadt den Beinamen „Paris des Ostens“. Auf den Triumphbogen, 1878 errichtet und 1936 in seiner jetzigen Form vollendet, strömt – wie in Paris – auch hier der Verkehr von einer Reihe großer Straßen wie der eindrucksvollen Soseaua Kisseleff, die noch länger als der Champs Elysées ist, sternförmig auf den mächtigen Bogen zu.

Am 4. März 1977 erschütterte ein Erdbeben, die Stadt, dass nicht nur 1500 Menschen tötete, sondern auch die historische Bausubstanz in großen Teilen zerstörte. Damit hatte Nicolae Ceaușescu die Gelegenheit, die ehemalige historisch gewachsene Stadt fast vollständig mit seinem kolossalen politisch-administrativen Zentrum zu ersetzen. Das dominierende Beispiel hierfür ist der Präsidentenpalast, mit dessen Bau ca. 70.000 Arbeiter beschäftigt waren. Es ist hinter dem Pentagon das zweitgrößte Gebäude der Welt. Der Bulevardul Unirii, der dreieinhalb kilometerlang aus der Innenstadt her zum Parlament führt, hat Nicolae Ceaușescu in den 1980er-Jahren anlegen lassen.

Aber nicht nur Kolossal-, Bauhaus- oder Plattenbauten beherrschen das Stadtbild. Da sind auch noch die über 100 rumänisch–orthodoxen Sakralbauten. Zu den eindrucksvollsten gehört wohl die in der Zeit von 1654 – 1658 gebaute Kirche der Patriarchie, die auf einem kleinen Hügel mitten in Bukarest liegt. Sie entstand als Teil eines Klosters, das der Fürst der Walachei, Constantin Șerban Basarab, im Jahr 1656 gründete. 1925 erhielt die rumänisch-orthodoxe Kirche den Rang eines Patriarchats und die Metropolitankirche wurde zur Patriarchalkathedrale erhoben. Seit 2010 wird beim Parlamentspalast die ungleich größere Kathedrale der Erlösung des Volkes gebaut, die nach ihrer Fertigstellung die St.-Konstantin- und-Helena-Kirche als Patriarchalkathedrale ablösen soll.
Natürlich ist das alles nur ein kleiner Einblick in eine Stadt, die trotz jahrhundertelanger Fremdherrschaft, Kriegen, Erdbeben, Sozialismus und Diktatur ihren persönlichen Charme und elegante Atmosphäre bewahrt hat, der sich wiederspiegelt in ihrer Architektur, den prächtigen Parkanlagen, in den vielen alten Kirchen und vor allem in der Freundlichkeit ihrer Bewohner.

Am Nachmittag nahm uns dann die MS Maxima in Oltenita wieder an Bord. Nach der Kaffeezeit startete Hausdame Zsanett eine Einführung in das Handtuchfalten. Eine Kunst, die alle Formen von Gebrauchstüchern wie z.B. Bade-, Gesichts- oder Hände-handtücher zu wahren Kunstobjekten werden ließen. Einige davon eigneten sich dabei zur Verschönerung des Badezimmers oder als Kissenersatz auf dem Bett, wobei eine solche Herstellung wohl auch für manchen Passagier eine Frage der Zeit ist.
Nach dem Abendessen konnte jeder, der wollte, sich von Bordmusiker Chris bei „Gemischter Schlagermusik“ Absackern, Cocktails, Bier oder Wein die nötige „Bettschwere“ holen.