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7. Tag: Besuch im Donaudelta

Von nun an ging es bis in die frühen Morgenstunden die Donau „nur noch bergab“ – oder anders gesagt: wir fuhren die noch ausstehenden 310 Kilometer bis zum Donaudelta talwärts. Und auch heute waren wir unter den ganzen „Frühen“. Um 6.00 Uhr Frühstück. Um 6.30 Uhr legten wir in Mile 35 / Rumänien / Tulcea an. Natürlich mussten wir noch auf die Freigabe des Schiffes warten – darin hatten wir ja schon Übung – aber dann ging es los! Unsere Gruppe hatte sich geteilt, die einen wollten das „paradiesische Erlebnis“ in einem Schnellboot (in Minigruppen) erleben, während die anderen, wie auch wir –  sich für das große Ausflugsboot entschieden, zudem uns ein kurzer Fußweg brachte. Wir brauchten nicht lange zu fahren: wir waren bereits im Donaudelta:


Bevor die Donau ins Schwarze Meer fließt verzweigt sie sich zum zweitgrößten Fluss- und Mündungsdelta (hinter der Wolga) Europas. 1991 erklärte die UNESCO das Delta zu einem Teil des Weltnaturerbes, seitdem ist es Biosphärenreservat. Am 5. Juni 2000 verpflichteten sich die Regierungen Rumäniens, Bulgariens, Moldawiens und der Ukraine zum Schutz und zur Renaturierung der Feuchtgebiete entlang der etwa 1000 Kilometer langen unteren Donau. Dieser – mit Hilfe vom WWF initiierten 6000 km² große – Grüne Korridor wurde damit zum größten grenzüberschreitenden Schutzgebiet Europas. Das Reservat ist in die historische Landschaft Dobrudscha eingebunden, und beherbergt das weltweit größte zusammenhängende Schilfrohrgebiet und ein bedeutendes Vogelschutzreservat mit der größten Pelikankolonie Europas. Der WWF zeichnete das Engagement der beteiligten Länder als „Geschenk an die Erde“ aus. In der Dobrudscha wachsen 50 Prozent der etwa 3800 in Rumänien katalogisierten Pflanzenarten; das Delta und der Lagunenkomplex beherbergen hiervon 1839. Der nördliche Teil des Reservats – das eigentliche Delta – bildet im Mündungsgebiet ein einzigartiges Netzwerk von über 30 Ökosystemen. Insgesamt konnten bis jetzt 5200 Tier- und Pflanzenarten katalogisiert werden. Von den 4029 Tierarten sind 3477 Wirbellose und 552 Wirbeltiere, mehr als 110 Fischarten, davon 75 Süßwasserarten. Es gibt Reptilien, Schlangen, Schildkröten und Frösche. Manche dieser Arten sind anders wo schon längst ausgestorben oder stehen auf der Roten Liste. Viele Bewohner sind so selten, das sie als Naturdenkmäler staatlich anerkannt sind, wie zum Beispiel: Maurische Schildkröte, Brandgans, Silberreiher, Seidenreiher, Großtrappe, Löffler, Rosapelikan, Krauskopfpelikan, Rostgans, Kolkrabe, Schmutzgeier, Stelzenläufer oder Zwergtrappe um nur einige zu nennen. Oder die Wiesenatter. Sie ist eine national und europaweit gefährdete Art. Nur wenige Tiere konnten in einigen geschützten Zonen nachgewiesen werden. So gilt der Steppenrenner, eine Eidechsenart seit den 1990er Jahren auf den Landarmen des Deltas nicht mehr beobachtet werden. In den Jahren 1996, 1997 und 2000 wurden mehr als 25.000 Singvögel beringt, und damit der Nachweis für das Vorhandensein von oft schwer erfassbarer Arten wie Rohrsänger, Buschrohrsänger, Wüstengrasmücke, Grünlaubsänger, Goldhähnchen-Laubsänger oder Isabellwüger erbracht.
Aber auch in diesem „Paradies“ sind die Tiere vor Wilderern nicht sicher. So erschossen 1996 in der Nähe der Festung Histria Wilderer in einem der größeren Gänsebrutplätze nachts Massen von schlafenden Wildgänsen. Seit diesem „Massaker“ ist hier die Zahl der brütenden Tiere drastisch gesunken. 54 Arten von Säugetieren sind hier zuhause wie beispielsweise: Mönchsrobbe, Fischotter, Bisamratte, Europäischer Nerz, Feldhase, Rotfuchs, Wolf, Iltis, Marderhund, Enokhund, Ostigel, Reh, Wildkatze, Luchs und Wildpferde.
Bei Letea und Sfântu Gheorghe lebten um 2009 etwa 10.000 verwilderte Pferde. Der Bestand der Ponyrasse Huzule lag 2010 bei etwa 1500. Diese Pferde wurden im 13. Jh. von der mongolischen Armee zurück¬ gelassen. Um das 17. Jahrhundert wurden weitere Tiere von den Tataren ausgesetzt und fanden hier eine neue Heimat. Und 1989 wurden nach der Revolution und dem Ende der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften die nicht mehr benötigten Pferde auch hier in die Freiheit entlassen. Als Folge davon gibt es in der Forschung die Vermutung, dass die Pferde eine neue Rasse gebildet haben könnten. Aber auch diese Tiere scheinen keine Ruhe zu finden, denn Arche Noah deckte 2009 den illegalen Abtransport von über 1000 Wildpferde auf, die aus dem Reservat unter „merkwürdigen Umständen“ in ausländische Schlachthäuser verfrachtet worden sein sollen. Die Pferde sollen für 50 Euro – 200 Lei – an italienische Käufer gegangen sein. Auch im Verlauf des Pferde-fleischskandals in Europa 2013 sollen es Pferde aus dem Reservat gewesen sein, die von „kriminellen Banden“ illegal gefangen und in Fleischfabriken zu „Lasange“ verarbeitet wurden.

Zwischen 1960 und 1980 siedelte die Sozialistische Republik Rumänien gezielt Spezialisten für Fischzucht, Schilfrohranbau und Landschaft im Donaudelta an. 2002 lebten ungefähr 14.000 Menschen im Donaudelta, meist auf kleineren Inseln aus Fluss- und Meersandbänken, davon 68,5 Prozent in Dörfern und 31,5 Prozent in der Stadt Sulina. Die Bevölkerungsdichte liegt bei etwa 3,5 Einwohnern pro Quadratkilometer. Ungefähr 552,8 Prozent des Reservates werden für Landwirtschaft, Viehzucht, Fischfang, Forstwirtschaft und Wohngebiete genutzt. Auf den im westlichen Teil des Deltas gelegenen Landfarmen wird Mais, Weizen, Gemüse und Futterpflanzen angebaut.

Die Haltung von Vieh ist extensiv. Hausschweine werden vom Frühling bis zum Spätherbst in die Natur entlassen, wo die Säue im Röhricht ihre Jungen werfen. In der freien Wildbahn ernähren sie sich vorwiegend von angeschwemmten Fischen, Muscheln, Schnecken, Schlangen, Fröschen oder Jungvögeln, sowie von Binsenwurzeln und Wassernüssen. Neben Büffeln durchstreifen wilde hirtenlose Rinderherden mit grauem oder rötlich-braunem Fell das Delta. Die Tiere eignen sich nicht zur Milchwirtschaft und werden nach ihrer natürlichen Mast teilweise geschossen. Hausgänse und –enten kreuzen sich häufig mit Wildenten und Wildgänsen. Seidenraupenzucht, Imkerei und Fischfang sind weitere Nahrungs- und Einnahmequellen. Die Hälfte der Binnenfischereierträge Rumäniens stammt aus dem Delta. Die Produktion von Süßwasserfischen erreicht jährlich 8150 Tonnen.

Hinzu kommen 600 Tonnen Donauheringe und 32 Tonnen Störe, sowie 560 Tonnen andere Meeresfische. Auch Frösche und Krebse und werden verarbeitet. Aber auch bei den Fischen wird gewildert: Die illegale Fischerei ist im großen Stil angelegt und weist mafiaähnliche Strukturen auf, die mit Methoden wie Elektrofischen aufwartet und damit verehrende Umweltschäden anrichtet, die bis zur Ausrottung ganzer Spezies führen können, denn der hierbei in das Wasser eingeleitete Gleichstrom tötet sämtliches Leben im Umkreis der Elektroden.

Gegen 11.00 Uhr war unser Ausflug zu Ende, und wir waren wieder an Bord. Wir verließen den Anleger Mila 35, der sich auf einer kleinen Insel mitten im Donaudelta befindet. Unser nächstes Ziel war nun das 430 Kilometer entfernte Rousse auf bulgarischer Seite. Von jetzt an fuhren wir die Donau „aufwärts“ oder wir befanden uns auf „Bergfahrt“!
Bis zum Mittagessen hatten wir noch genügend Zeit das Erlebte bei einem Glas Kir Royal zu verarbeiten und einige Neuigkeiten zu erfahren. So wird ab 2017 diese Reise ins Donaudelta noch einen besonderen Anreiz bieten: Ein Redakteur von der Zeitschrift Geo wird mit von der Partie sein und sein Fachwissen referieren, Tipps für das gelungene Urlaubsfoto geben und in direkten Gesprächen mit den Passagieren wissenswerte Inhalte aus dem umfangreichen Fundus der Geo-Redaktion multimedial präsentieren und weitergeben. Ein neues Konzept, das unter Geo Cruises zunächst für die Donaufahrten ins Delta und nach Budapest entwickelt ist.

Wir fahren an den Grenzen Rumäniens, Moldawiens und der Ukraine vorbei und sehen am Ufer die Stadt Galati in der Westmoldau liegen:

Erstmals urkundlich erwähnt wurde Galati 1445. In unserer Zeit hat sie sich durch ihren Donauhafen zu einem wichtigen Handelsplatz entwickelt. Geprägt ist die Stadt von der Schwerindustrie. Hier befinden sich die größte Eisenhütte und Schiffswerft Rumäniens sowie Fabriken für den Maschinenbau.

Silistra ist die erste bulgarische Stadt direkt an der Grenze zu Rumänien. Ab hier ist die Donau für 470 km die Grenze zwischen Bulgarien auf der linken und Rumänien auf der rechten Uferseite. Bulgarien ist ein sehr junger Staat: – er wurde erst am 03. März 1878 geründet, (Nationalfeiertag) und die Anerkennung vom Osmanischen Reich, unter dessen Herrschaft Bulgarien bis dato fast 500 Jahre stand, geschah erst Jahre später, am 22. September 1908. Dabei hatte das Land schon in der Steinzeit feste Siedler, wie Ausgrabungsfunde beweisen. Geschichtlich wird es in der Bronzezeit. Da herrschten die indogermanischen Thraker. Dann kam die Zeit der griechischen Kolonisation. Es entstanden am Schwarzen Meer Stadtstaaten, die sogenannten Poleis. Und schließlich kamen die Römer. Thrakien und die Stadtstaaten wurden zu einem Teil des römischen Reiches. In den Jahren 679 – 1018 gründete die verbliebene Bevölkerung von Thrakern und Römern gemeinsam das erste Bulgarische Reich, das zeitweise fast die ganze Balkanhalbinsel umfasste. Aus der Verschmelzung der Bewohner und Einwanderer entstand das Volk der Bulgaren. Ihr Herrscher Boris I. trat 864 zum byzantinischen Christentum über, weshalb die Mehrzahl der Bulgaren bis heute dem orthodoxen Glauben angehört. Zwischen 1393 und 1396 kam ganz Bulgarien unter osmanische Herrschaft, die fast 500 Jahre andauerte und erst mit dem russisch-türkischen Krieg 1877-1878 endete. Mit dem Frieden von San Stefano wurden die Grundlagen für den modernen bulgarischen Staat gelegt. 1944 wurde Bulgarien von der Roten Armee besetzt und unter sowjetischen Einfluss wurde es Mitglied des Warschauer Paktes. In den letzten Jahren kommunistischer Herrschaft erwirkte das Regime die Vertreibung von 370000 Muslimen in Richtung Türkei. 1990 ging die kommunistische Ära zu Ende – das Volk konnte frei wählen. 2007 wurde Bulgarien in die Europäische Union aufgenommen.
Für den Abend stand ein Gala-Dinner auf dem Programm. Festliche Kleidung war angesagt, und danach ging‘s zur „Oldies Night“ mit unserem Bordmusiker Chris in den Salon.