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10. Tag: Novi Sad

Nach dem Frühstück gab es eine Informationsveranstaltung. Stefanie Broichhausen präsentierte uns Auszüge aus dem neuen Programm von nicko cruises: Und die Möglichkeiten sind schon sehr ansehnlich: Überall wo in Europa Flüsse zu finden sind, da kann man sie auch mit Kreuzfahrtschiffen befahren. Schwerpunkt war der Rhein, die Mosel und die Nebenflüsse.
In der Zwischenzeit ging unsere Flussfahrt weiter „bergauf“: noch 215 km bis Novi Sad. Hier trafen wir nach dem Mittagessen ein. Die Anlegestelle lag ca. fünf Minuten von der Fußgängerzone entfernt. Wer also nicht mit dem Ausflug mitwollte, der konnte auch auf „eigene Faust“ die Stadt erkunden. Aber zuerst einmal hieß es wieder auf die Freigabe des Schiffes durch die serbischen Behörden warten. Aber dann ging es endlich los.
Novi Sad (dt. Neusatz) liegt im Herzen der „Kornkammer“ des früheren Jugoslawiens. Die ersten Siedler waren im Spätmittelalter die Serben. Es entstand durch den Bau des Zisterzienserklosters Belefons, ein sogenannter kirchlicher Ort, der 1526 durch die Türken erobert wurde. In den 150 Jahren, die die Osmanen hier herrschten, wurde die Pannonische Tiefebene verwüstet und entvölkert. Erst Prinz Eugen besiegte 1697 die Osmanen bei Zenta. Das Land fiel an Österreich. Aber einige Jahre später, 1716, standen die Türken erneut von Novi Sad, wurden aber in der Schlacht von Peterwardein von Prinz Eugen vernichtend geschlagen. Kaiserin Maria Theresia verlieh Novi Sad dann am 1. Januar 1748 die Rechte einer „königlichen Freistadt“ (=libera regia civitas), und nannte sie (lateinisch) „Neoplanta“. (dt. Neusatz, serbisch: Novi Sad). Es dauerte gar nicht lange, und die Stadt entwickelte sich rasch zu einem wirtschaftlichen und vor allem kulturellen Zentrum der Serben, was sie bis heute, trotz Kriege und Vertreibung ihrer Bürger geblieben ist. 1864 wurde die Matica srpska (die Bibliothek), die 1826 in Budapest gegründet worden war, nach Novi Sad überstellt. Damit ist die Stadt die Heimat der ältesten Institution für Kunst und Wissenschaft. 1861 wurde das Serbische Nationaltheater in Novi Sad gegründet. Seit 1960 ist Novi Sad eine Universitätsstadt. Heute leben hier 38.000 Studenten, die in 13 Fakultäten eingeschrieben sind. Und das Novi Sad begeisterte junge Leute für elektronische und Rockmusik hat, das zeigt das im Jahr 2000 ins Leben gerufen Musikfestival Exit, das jährlich auf der Festung Petrowardein stattfindet.

Die Gegenwartskunst hat in Novi Sad mit der Art Klinka eine maßgebliche Formation. Dieses Kunstkollektiv rund um den Maler Nikola Dzafo hat in der Ära Milošević als Gruppe Led Art kritische Akzente gesetzt. Im Jahr 2002 entstand die Kunstklinik als letztes Projekt von Led Art. Und Nikola Dzafo gewann 2013 den Politika Kunstpreis.
Im Oktober 2016 kam die Nachricht, dass Novi Sad Europäische Kulturhauptstadt 2021 werden wird. Damit soll erstmals eine Stadt im Land eines EU-Beitrittskandidaten diesen Titel bekommen. Die Begründung des zuständigen EU-Kommissars: „Die Öffnung des Programms ist ein Weg, Beitrittskandidaten näher an die EU zu bringen und die kulturelle Verbindung zu stärken.“
Aber in Novi Sad erinnert Kunst und Kultur auch an die Gräueltaten des Krieges. Das Königreich Ungarn – (1918 trennte sich Ungarn von der K. und K.-Monarchie und blieb bis 1944 Königreich Ungarn aber ohne König.) – hatte in der Zeit zwischen 1941 und 1945 die Stadt besetzt. Vom 21. bis 23. Januar 1942 ließ der ungarische General Ferenc Feketehalmy-Czeydner 1246 Zivilisten erschießen. Darunter waren 809 Juden, 375 Serben, 8 Deutsche und 18 Ungarn. Mehrere hundert Zivilisten wurden unter das Eis der zugefrorenen Donau geworfen und ertränkt. Nach dem Einrücken der Partisanen Ende 1944 wurde nahezu der gesamte Teil der verbliebenen deutschsprachigen Bevölkerungsgruppe, welche bis dahin noch nicht geflohen war, vertrieben oder ermordet. Und so ist es kein Wunder, das auch das Zentrum für Kriegstraumatisierte seinen Sitz hier hat.

Während des Kosovo-Krieges 1999 wurden bei Luftangriffen durch die Nato u.a. die regionale Wasserversorgung für 600.000 Menschen, das Rundfunkgebäude und die Raffinerie zerstört. Bomben fielen auf das städtische Krankenhaus, mehrere Grundschulen und Kinderkrippen und auf eine Kinder-Tagesstätte. Alle Donaubrücken fielen dem Bombenhagel zum Opfer. Mehr als sechs Jahre lang wurde der Verkehr über eine Pontonbrücke abgewickelt, die Schiffe nur dreimal in der Woche passieren konnten. Erst als die Freiheitsbrücke am 11. Oktober 2005 fertiggestellt war, konnten die Schiffe wieder zeitlich ungehindert fahren.

Novi Sad ist durch seine 13 Hochschulen und damit durch die vielen Studenten aus allen Nationen, Religionen und Kulturen eine sehr junge und moderne Stadt – aber obwohl hier Balkan und Europa aufeinandertreffen, hat die Stadt sich ihr eigenes Ambiente bewahrt. Die Fußgängerzone, die durch ihre vielen Geschäfte, Restaurants, Cafés, und Bars sehr pulsierend ist, zeichnet sich trotzdem durch ihre Gemütlichkeit aus. Vielleicht liegt das an dem Stadtkern, der ein Ensemble historischer Gebäude bewahrt hat, die aus einer Mischung aus Gotik, Barock, Sezession und Neoklassizismus besteht.
Hier befinden sich auch die wichtigsten Institutionen, z.B. das Rathaus, zahlreiche Kirchen aus dem 18. Und 19, Jahrhundert, wie etwa die Domkirche Saborna crkva, sowie Museen und Galerien. 1742 wurde die erste römisch-katholische Kirche gebaut, die aber im Revolutionsjahr 1848 zerstört wurde. 1891 bis 1894 dauerte der Neubau der Kirche Maria Namen nach den Plänen des Architekten Georg Molnar unter der Bauleitung von Stefan Gusek und Karl Lerer. In der Kirche befinden sich vier Altäre. Der Hauptaltar ist der Gottesmutter Maria geweiht, ihr Bild zieren die ungarischen Könige Stefan und Laszlo. 1904 wurde die Kirche durch einen Brand schwer beschädigt, danach wieder renoviert.
In der Innenstadt liegt auch die Synagoge, die von dem ungarisch-jüdischen Architekten Lipót Baumhorn entworfen und zwischen 1906 und 1909 erbaut wurde. Ein trauriges Szenarium bietet das Bethaus im Zweiten Weltkrieg, als hier Juden inhaftiert waren, bevor sie weiter in Konzentrationslager deportiert wurden. Seit 1991 steht die Synagoge unter Denkmalschutz und wird vorwiegend für Konzerte ernster Musik genutzt.

Besonders gut ist von der Festung Peterwardein nicht nur die Altstadt und die Donau zusehen, sondern auch das „Heilige Gebirge“, die Fruska Gora. Es gibt hier 35 serbisch-orthodoxe Klöster, die am Ende des 12. und bis zum 18. Jh. gebaut wurden. Erhalten sind in unserer Zeit noch 17 Klöster, von denen sieben von Mönchen und acht von Nonnen bewirtschaftet werden, und zwei unbewohnt sind. In der natürlichen und unverbauten Landschaft des Nationalparks liegen die einzelnen Klosteranlagen idyllisch zwischen Weinbergen, Gras- und Nutzfeldern sowie Waldgebieten. Aufgrund ihrer Bauweise, einer Mischung aus byzantinischen und barocken Elementen und mit ihren Fresken und Bibliotheken, zählen diese Klöster zu den interessantesten attraktivsten und Schönsten in ganz Europa. Ein Beispiel hierfür ist das Kloster Krušedol zwischen 1509 und 1516 erbaut wurde. 1716, als die Türken sich aus Srem zurück-zogen, wurde das Kloster stark beschädigt und die Kirche niedergebrannt. 1726 wurde der barocke Glockenturm und 1753 der Klostergang gebaut. Besonders hervorzuheben sind in Krušedol die Ikonen aus dem 16. und 19. Jahrhundert.

Kurz vor 19.00 Uhr erreichten wir unser Schiff, wo wir uns bei einer Happy Hour mit Musik auf das Abendessen vorbereiten konnten, denn dieser Abend dauerte bis 23.00 Uhr, aber keine Sorge, für die ganz Hungrigen gab es noch einen Nachtsnack im Salon. Jeder Passagier musste eine Zolldeklaration anfertigen, die am nächsten Morgen bei den Behörden abzugeben war. Denn Morgen – da waren wir wieder im Schengener Raum, in der EU. Und dann hörte es auf mit der „Unerreichbarkeit des Individuums“: Das Handy- und Smartphone-Zeitalter hatte uns wieder fest im Griff.