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11. Tag: Mohacs – Pecs

Der Morgen begann – auf dem Sonnendeck – mit Warten auf die ungarischen Behörden. Und solange die nicht das Schiff freigegeben hatten, durfte auch niemand das Schiff verlassen. Mohács ist Grenzrevisionsstelle für alle Schiffe, die aus der EU talwärts ausreisend oder wie die MS Maxima bergwärts einreisen nach der EU, also in unserem Fall nach Ungarn. Damit verließen wir das „Ausland Serbien“. Eine persönliche Passkontrolle wurde uns genauso in Aussicht gestellt, wie wir verpflichtet waren eine Zolldeklaration abzugeben. Nach dem Mittagessen war es dann endlich soweit. Wir konnten wählen zwischen einem Ausflug nach Pecs oder einem Spaziergang nach eigenen Vorstellungen durch Mohács.

In der Stadt sind so viele Kulturen zuhause, das Mohács auch als „türkisches Schwaben“ bezeichnet wird. Von den 20.000 Einwohnern bezeichnen sich 8000 Menschen als Volksdeutsche. Während des Bürgerkrieges in Jugoslawien hat die Stadt bis zu 7000 Flüchtlinge aufgenommen. Dafür wurde Mohács von der EU mit dem „Goldenen Stern“ ausgezeichnet. Bekannt wurde die Stadt durch ein trauriges Ereignis in der ungarischen Geschichte. Am 29. August 1526 verlor der polnisch-ungarische König Ludwig II. die Schlacht gegen die Türken. Dieser Sieg bedeutete nicht nur den Tod von 28.000 ungarischen Soldaten und den Tod des Königs – er brachte auch eine 150 Jahre dauernde türkische Besatzung, Plünderung und komplette Ausrottung der Bevölkerung in vielen Ortschaften, nachzulesen in den Dokumenten zahlreicher Ortschaften, wie z.B. in Balatonederics, Zamárdi. Erst 1687 wendete sich das Blatt in der Geschichte: Österreich besiegte das Osmanische Reich und Mohács wurde frei von türkischer Unterdrückung. An dieses Ereignis erinnert die römisch-katholische Votivkirche im Stadtzentrum. 1926 – 400 Jahre nach der Schlacht – wurde die Kirche im byzantinischen Stil mit einer mächtigen Zentralkuppel durch eine landesweite Spendenaktion gestiftet. Sie gleicht einer Moschee, trägt aber auf ihrer Kuppel ein großes Kreuz.

Auf dem Hauptplatz vor dem Rathaus, dessen Türmchen an die türkische Zeit erinnern, blicken drei aus Bronce gegossene Mädchen in drei verschiedene Richtungen: eine Kroatin, eine Deutsche und eine Ungarin. Ein Zitat von Lessing verbindet sie: „Das Herz hat unter uns nur eine Sprache.“

Überregional bekannt ist Mohács für den dortigen Karneval, (Busójárás), dessen wichtigster Veranstalter die Ungarndeutschen sind. Das sechstägige Faschingsfest, auf dem der Mummenschanz mit aufwendig geschnitzten Holzmasken das tragende Element ist, gilt als das größte Karnevalsfest Ungarns und lockt alljährlich Zehntausende Schaulustige an. Der Legende nach zogen die Einwohner von Mohács mit Tierfellen verhüllt und furchterregende Tiermasken tragend durch die Stadt, dabei erzeugten sie mit ihren Ratschen einen ohrenbetäubenden Lärm. So vertrieben sie die Türken. Heute ist der Busó-Umzug ein fester Bestandteil des dortigen Faschings der alljährlich Mitte Februar stattfindet. Dabei wird der Winter verabschiedet und der Frühling begrüßt.

Wir entschieden uns für den Ausflug nach Pecs, das 200 km südlich von Budapest am Fuße der Mecsek-Berge liegt. Der Ort an sich war schon in vorgeschichtlicher Zeit ein von vielen Volksgruppen beliebter Siedlungsplatz. Ins Rampenlicht der Geschichte aber trat er erst vor 2000 Jahre durch die Römer, die ihn Sopianae nannten. 2009 feierte das Ouinque Ecclesiae (lat. fünf Kirchen) – 1000 Jahre später, – 1009 hatte König Stephan I. dort einen Bischofssitz gegründet, – sein Stadtjubiläum. Der heutige Name der Stadt ist erstmals 1235 in einer Urkunde als Pechut („Pécser Weg“) aufgetaucht. 1290 wurde die Stadt in einer Urkunde Peech genannt.

Die „gute Stube“ von Pecs ist ihre romanische Innenstadt mit der Fußgängerzone und dem Széchenyi Platz. Er ist umgeben von eindrucksvollen und repräsentativen Bauten, wie beispielsweise das 1770 gebaute Haus der Bezirksverwaltung oder das neubarocke, turmbewehrte Rathaus aus dem Jahr 1907, durch dessen stilgerechte Restaurierung der Fenster McDonald die Verpflichtung der Denkmalschützer erfüllt und dafür sich im Parterre eingemietet hat.

Allein zwischen den historischen Wehrmauern der heutigen Innenstadt befinden sich folgende sehenswerte Denkmäler: Barbakan, Universitäts-bibliothek, Djami des Gazi Kasim Pascha, Djami des Jakovali Hassan Pascha, Kalvarie, das türkische Bad des Memi Pascha, Allerheiligenkirche, Sankt Peter Basilika, Synagoge, Zsolnay Brunnen. Große Teile der Altstadt sind autofrei, Straßen und Plätze sind dekorativ mit Pflastersteinen gedeckt. Als einer der wenigen Plätze in der Innenstadt bietet der Széchenyi tér einen freien Blick hinüber zum Mecsek- Gebirge und der Misina mit dem Fernsehturm. Abends, im Sommer, wirkt Pécs wie eine pulsierende südliche Stadt mit seinen flanierenden Menschen, den Bierhäusern, Bistros, Restaurants und Cafés.

Ein Minarett, zwei Djami und ein türkisches Bad im Stadtzentrum erinnern an die türkische Besatzungszeit. Die Moschee des Jakovali Hassan Paschas entstand in der Hälfte des 16. Jahrhunderts. Nach der Vertreibung der Türken ging die Moschee zurück in den Besitz des Jesuitenordens. Das Gebäude wurde von 1702 bis 1732 als katholische Kapelle des heiligen Johannes von Nepomuk und danach als Krankenhauskapelle genutzt. Der Djami ist eine von den am besten erhaltenen Denkmälern aus der türkischen Besatzungszeit Ungarns. Die inneren Wandgemälde aus dem 16. Jh. befinden sich auch heute noch in einem guten Zustand. Neben dem Djami stand auch das Kloster und die Hochschule (Medres) des Ordens der mev-levi Derwische. Das imposante Interieur des Djamis ist beeindruckend, die farbigen Wandgemälde stellen paradiesische Blumen dar und arabische Koranzitate erinnern an vergangene Zeiten. Der Djami wurde 1975 in der ursprünglichen Form rekonstruiert. Im Innern befindet sich eine Kunstausstellung. Das Minarett – der 12eckige Turm mit einem Rundgang in 23 m Höhe, der erst – wie auch die Spitze, die eine Gabe der Türkischen Republik ist, – im 19. Jh. dazu gebaut wurde – befindet sich im Hof des Krankenhauses gleich neben der Moschee. Das Minarett dient heute als mohammedanisches Gebetshaus. Innen und außen erinnern zahlreiche Spuren an die türkische Vergangenheit, so z.B. gut sichtbar die Aufschrift Allah und Mohamed. Die Behälter für das Weihwasser waren von den Türken zur Fußwäsche benutzt worden.

Im Nordwesten der Altstadt liegt der Dombezirk mit seinem monumentalen Dom des St. Peters und St. Paul, eines der bedeutendsten mittelalterlichen Baudenkmäler Ungarns. Die ältesten Teile des Doms, wie der Chor und die beiden Westtürme stammen aus dem 11. Jh. Die Innenbesichtigung lohnt sich vor allem wegen dem aus rotem Marmor gefertigten Altar sowie der Fresken und Statuen ungarischer Künstler. Als die Türken Ungarn um 1541 besetzten, war das ein Schock, dem 150 Jahre Okkupation folgten. Die Invasoren machten den Dom zur Moschee; was erst Ende des 17. Jahrhunderts mit der Vertreibung der Türken rückgängig gemacht werden konnte. Nach Beschädigungen und Verfall während der 1543 bis 1686 dauernden Türkenherrschaft kam es zu Wiederaufbaumaßnahmen in verschiedenen Stilrichtungen. Im Jahre 1807 wurde die Kirche nach den Entwürfen des Architekten Mihály Pollack klassizistisch umgestaltet. An der Fassade wurden die zwölf Apostelfiguren von Mihály Bartalits angebracht. Sein heutiges Aussehen erhielt das Gotteshaus im 19. Jahrhundert im neoromanischen Stil – finanziert aus den Erträgen eines Kohlebergwerks, das dem Bischof gehörte. Der riesige, vollständig mit Ornamenten und Malereien geschmückte Innenraum wurde von dem deutschen Maler Karl Christian Andreae ausgeführt.
Ein zur Zeit der Römer im 4. Jh. angelegter Frühchristlichen Friedhof mit der Grabkammer „Petrus und Paulus, ausgemalten Grabkapellen und der siebenkantigen „Cella Septichora“ ist von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt worden. Diese historische Stätte liegt fünf bis sechs Meter unter der Erde. Von oben kann man durch begehbare Glasplatten einen Einblick in die weltweit einzige Anlage nehmen.

Zwischen Dom und Altstadt – am oberen Ende des Széchenyi tér Platz – stand bis 1543 die romanischen Bartholomäuskirche, die der türkische Pascha Gasi Kassim vollständig abreißen ließ und dort bis 1546 sein sogenanntes Dschami erbaute. Nach dem Abzug der türkischen Besatzung, wurde die Moschee von den Jesuiten bis heute wieder als katholische Kirche genutzt und wird Moscheekirche (bzw. Mondkirche) genannt. Mitte des letzten Jahrhunderts wurde die Kirche wieder in ihren ursprünglichen Zustand rekonstruiert und durch eine halbrunde Eingangshalle erweitert. Besonders beeindruckend ist die Kuppelkonstruktion – ein achteckiger Tambour wird mit einer 28 m hohen Kuppel überspannt. Auf der Kuppel ist ein Kreuz zusammen mit einem türkischen Halbmond angebracht.
Am südlichen Ausläufer des Széchenyi Platzes liegt vor den Pforten der innen etwas düsteren Kapuziner-Kirche der Zsolnay-Brunnen mit seinen vier heidnischem Stierkopf-Sprudeln im Jugendstil und typischer Eosin-Glasur. Der Brunnen wurde 1912 vom Pécser Architekten Andor Pilch (1877-1936) entworfen aber erst 1930 aufgestellt. Die Porzellanmanufaktur Zsolnay aus Pecs ist wegen ihrer wertvollen Produkte weltbekannt. In Pecs hat die Fabrik wesentlich zur Verschönerung der Innenstadt beigetragen. So zieren viele Gebäude farbenprächtige Porzellanmosaiken.
Die heutige Synagoge wurde im Juli 1869 fertiggestellt, wird stilistisch der Romanik zugeordnet und die Fassade wurde zwischen 1980 und 1983 restauriert. Das jüdische Gotteshaus hat die Gräueltaten an den ungarischen Juden überlebt, allein 4000 Juden aus Pécs starben in Auschwitz, nur 450 überlebten den Holocaust. Der prachtvolle Innenraum befindet sich noch im Originalzustand. Der Synagoge ist auch eine heute noch aktive jüdische Schule angeschlossen.

Und noch eine Besonderheit bietet Pecs: Das Magasház (dt. Hochhaus) ist eine 84 m hohes Gebäude mit 25 Stockwerken. 1974 war das Gebäude fertig – aber – seit 1989 ist es wegen mangelhafter Baustatik (Korrosion des Spannbetons) unbewohnbar. 2006 wurde versucht, den Mangel zu beheben – ohne Erfolg und so schaffte es das Hochhaus in das Guinness-Buch der Rekorde: Es gilt als das höchste unbenutzte Hochhaus in Mitteleuropa.

Darüber hinaus ist Pecs Eisenbahnknotenpunkt – es bestehen regelmäßige Intercity-Verbindungen nach Budapest – und Zentrum einer Industrieregion. Es steht für Leder, Keramik, Bier, Zigaretten sowie Elektronik. Der Bergbau wurde inzwischen stillgelegt und befindet sich in Rekultivierung. Seit Dezember 2003 besitzt Pecs einen Flughafen im südlichen Vorort Pogány mit Landerecht für Flugzeuge bis 40 Tonnen Gewicht.

Gegen 18.00 Uhr waren wir wieder auf dem Schiff, pünktlich zum Abendessen und danach – natürlich auch zu der Louis Armstrong Show im Salon. Eine herzerfrischende Unterhaltung der Crew mit viel Liebe inszeniert für die Gäste, die daran echt ihren Spaß hatten. Und wer dann noch wollte konnte bei Tanzmusik den Abend noch beliebig in die Nacht hinein verlängern. Die Fahrt durch die Nacht nach Budapest war – im Vergleich zu den anderen Strecken – kurz: 198 km trennten uns noch von der Hauptstadt Ungarns, die wir noch vor Morgengrauen erreichten.